
Das Rad der Zeit
- Dorothee Kmitta

- vor 7 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
… steht niemals still.
(Wer jetzt gerne einen Ohrwurm hätte, darf an „Alles wird sich ändern“ vom ersten Pokémon-Soundtrack denken. ☺️)
Gestern Nacht dachte ich, wir hätten eine Stechmücke im Zimmer. 🦟
Ich konnte sie im Flug nicht genau erkennen, aber mein Sohn meinte, dass es nur eine kleine Fliege war. Da ich nur Stechmücken erschlage, durfte sie weiterleben.
Als wir heute Morgen aufgestanden sind, saß dann eine kleine Schwebfliege an der Fensterscheibe und ich war froh, dass ich sie hatte leben lassen.
Vorsichtig hielt ich meinen Finger neben sie und tatsächlich kletterte sie darauf und begann auch sofort, an meinem Finger zu lecken. Offenbar brauchte sie etwas Energie. Sie blieb sitzen und deshalb konnte ich sie nach draußen tragen.
Mir fiel ein, dass früher Schwebfliegen bei uns immer am Phlox saßen, und versuchte, sie dort abzusetzen. Doch stattdessen blieb sie weiter auf meinem Finger, bis sie schließlich davonflog.
Dabei erinnerte ich mich an eine Zeit in meiner Kindheit, in der ich, wie viele Kinder, unglaublich neugierig war. Wie eine kleine Wissenschaftlerin wollte ich wissen, wie die Welt und ihre Lebewesen funktionieren.
Und an einem Tag richtete sich diese Neugier auf Schwebfliegen.
Ich experimentierte mit ihnen. 👩🏻⚕️
Was für mich damals Neugier und Forscherdrang waren, bedeutete für diese kleinen Tiere immenses Leid. Das kann und möchte ich heute nicht schönreden. Wenn ich daran zurückdenke, tut es mir einfach nur unglaublich leid, was ich ihnen angetan habe. 💔
Aber heute Morgen wurde mir noch etwas anderes bewusst:
Ich bin nicht mehr dieses Kind.
Der Mensch, der heute eine kleine Schwebfliege vorsichtig auf seinem Finger nach draußen trägt, ist aus demselben Menschen entstanden, der sie damals vor allem als interessantes Forschungsobjekt betrachtet hat.
Wir verändern uns.
Ständig.
Und meistens bemerken wir es nicht einmal.
Veränderung ist nicht immer angenehm. Vielleicht fällt sie uns auch deshalb oft so schwer, weil jede Veränderung gleichzeitig bedeutet, dass etwas Altes enden muss. Selbst eine positive Veränderung kann bedeuten, dass wir etwas Vertrautes hinter uns lassen.

Manchmal bemerken wir erst Jahre später, wie weit wir uns von einer früheren Version unserer selbst entfernt haben. Ob zum Guten oder zum Schlechten.
Die Vergangenheit besteht dabei nicht ausschließlich aus Dingen, auf die wir stolz sind. Wahrscheinlich gibt es bei fast jedem Menschen Entscheidungen, Verhaltensweisen oder Momente, die er heute anders beurteilt als damals.
Wir können diese Dinge nicht ungeschehen machen.
Wir können aber aus ihnen lernen.
Vielleicht ist genau das die wichtige Erkenntnis über unsere Vergangenheit. Nicht so zu tun, als hätten wir niemals Fehler gemacht. Sie nicht umzuschreiben, bis alles zu dem Menschen passt, der wir heute gerne sein möchten.
Sondern hinzusehen.
Zu erkennen: Das war ich. Das habe ich getan. Heute sehe ich das anders.
Und dann anders zu handeln.
Unsere Vergangenheit prägt uns, aber sie muss uns nicht für immer festhalten. Vielleicht haben gerade vergangene Dinge, die wir heute bereuen, dazu beigetragen, dass wir bewusster, mitfühlender und achtsamer geworden sind.
Die kleine Wissenschaftlerin von damals ist übrigens nicht verschwunden.
Ich möchte noch immer wissen, wie die Welt funktioniert. Ich beobachte Tiere, entdecke Dinge und stelle wahrscheinlich viel zu viele Fragen. 🌏
Aber heute sehe ich in einer kleinen Schwebfliege nicht mehr nur etwas, das ich untersuchen möchte.
Ich sehe ein Lebewesen. Mit Körper und Seele, in seiner Umwelt.
Eine kleine Schwebfliege, die auf meinem Finger sitzt, dort ein wenig Energie aufnimmt und anschließend weiter in die große Welt fliegt.
Wir sollten versuchen, die Vergangenheit nicht zu vergessen oder sie schönzureden, sondern sie anzunehmen und daran zu erkennen, wer wir inzwischen geworden sind. 💜




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